Erweckt zu neuem Leben auf vier starken Säulen

Kloster Vinnenberg - Ort geistlicher Erfahrung

Kloster Vinnenberg

Den Ursprung achten - der Entwicklung trauen

Ende einer Kultur?

Ein geistlicher Impuls zu Kloster Vinnenberg

Erste Wahrnehmung:
Es war in der Karwoche. Wir waren zu einem Schweigekurs zusammengekommen. In Münster. In vermieteten Räumen des Klosters zum Guten Hirten. Der Blick aus dem Fenster meines kleinen, zellenartigen Gästezimmers ließ mich erstarren. Eine schwere Eisenplanke wurde immer wieder gegen die Wände der Klosterkirche geschleudert. Sie war zum Abriss freigegeben. Planierraupe und Bagger taten ihr Übriges. Wenige Tage später, am Karfreitag, blickten wir auf eine Kirche in Trümmern – mitten im katholischen Münster. Vor kaum fünfzig Jahren hatten das die Bomben erledigt. Sie hatten die ganze Stadt mit unzähligen Kirchen in Schutt und Asche gelegt. Der Wiederaufbau folgte und gelang großartig. Alte Kirchen wurden restauriert und erstrahlten in neuem Glanz, neue Kirchen wurden gebaut. Der Kirchenraum, der jetzt in Schutt und Asche vor mir lag, war das Ergebnis von abnehmender Kirchenbesucherzahl … von Mangel an Klostereintritten.

Zweite Wahrnehmung:
Gastfreundschaft in einem Kloster mit benediktinischer Tradition zu erfahren, war stets ein besonderer Moment in meinem Leben. Liebevolle Zugewandtheit dem Gast gegenüber, gleichzeitige rücksichtsvolle und raumgebende Distanz für das ganz persönliche Anliegen, im Kloster zu leben, um »Kloster« zu erleben, können wohltuend sein, um der Seele Raum für geistliche Erfahrung (von klösterlicher Gastfreundschaft) zu eröffnen. – Welch ein erschreckendes Erwachen, wie gewohnt an einer Klosterpforte zu klingeln, und nun keine Antwort mehr zu bekommen; an jener Pforte, an der über Jahrhunderte die Menschen mit den unterschiedlichsten Anliegen um Einlass gebeten, ein offenes Ohr und ein offenes Herz vermutet, erwartet und erhalten haben! Dieses Mal verhallt mein Klingelzeichen ebenso in der Klausur wie meine Sehnsucht nach menschenfreundlicher, zugewandter Begegnung mit einem Menschen, der geistlich zu leben versucht.

Ich klingelte einige Male – eigentlich wissend, dass niemand mehr öffnen wird, denn schon vor acht Wochen hatten die letzten acht von einmal sechzig Schwestern das Kloster aus Alters- und Krankheitsgründen verlassen müssen. Ich wartete auf den Schlüssel, den der Hausmeister mir um 17 Uhr bringen würde.

Ich wartete.
Worauf wartete ich wirklich?
Was erwartete mich?
Bilder entstanden vor meinem inneren Auge, Erinnerung, Ahnung – und die Angst, dass uns eine ganze Kultur verloren zu gehen droht.

Es stimmt: Das alles, Kirchen, Klöster, soziale Einrichtungen, Schulen – wir werden das alles nicht halten können! Das ist sofort einsehbar mit dem Blick auf Statistiken und Zahlen. Das alles aufrecht­erhalten zu wollen, würde den unmittelbaren Ruin bedeuten. Und es gab Vergleichbares immer ­wieder in der Kirchengeschichte! Kein Grund zur Unruhe also?

Der Hausmeister riss mich aus meinen Gedanken: »Hier, der Schlüssel zum Kloster!« Niemand würde mehr von innen öffnen. Ich hielt den Schlüssel selbst in der Hand … kam mir vor wie ein Eindringling. Ein Kloster betritt man nicht einfach so. Entweder man tritt als Novize ein oder wird als Gast empfangen. Ich öffnete die Tür; ich drang vor in den Pfortenbereich und in die Gastzimmer. Ich durchbrach das Tabu und drang in den Klausurbereich, der – bis auf klar geregelte Ausnahmen – seit Jahrhunderten den Ordensschwestern vorbehalten war. Auch wenn inzwischen dieser Bereich profaniert und als Klausur aufgehoben war, kam ich mir vor wie ein Einbrecher. Früher war ich oftmals in der Klausur gewesen – als Student, der den Schwestern das Obst erntete, als Priester zum geistlichen Gespräch. Aber jedes Mal hatte mich ein bestimmtes Klingelzeichen der Glocke der Schwestern vor dem Betreten angekündigt. Jetzt läutete niemand mehr die Glocke. Ich überwand das Tabu und überschritt die Schwelle. Es war, als würde ich einen noch immer heiligen Bezirk betreten; einen Ort, einen Raum, wohin ich nicht gehörte.

Ich durchschritt Raum für Raum, ging durch Flure und Treppenhäuser: neugierig und ehrfurchtsvoll, erschreckt, staunend und tief berührt. Der Rückzug der Schwestern war kein leichter, aber ein geordneter, und die Ordnung, die sie hinterließen, war mir unheimlich. Die acht Schwestern konnten nur noch ihre nötigste Habe mitnehmen, alles andere mussten sie zurücklassen. Und was sie zurückließen, ordneten sie – in Kisten, Kästen und Kammern, säuberlich sortiert. Meine Erwartung, ein leer-geräumtes Kloster vorzufinden, frei von Gegenständen, Möbel, Interieur, erfüllte sich nicht. Ich machte sofort die Erfahrung, dass diese Leer-Räume noch aus einem anderen Grund nicht leer waren: Sie atmeten noch. Es war wie am Totenbett eines nahen Menschen, seinen Atem noch zu hören, der längst gegangen war. Der Raum atmete noch Leben.

Kurzum: Ich betrat keine Leer-Räume
Die Räume sprachen vom Warten.
Worauf sie warten, sagten sie nicht, ließen es offen.
Sie sprachen nicht die Sprache von endgültigem Tod,
sie sprachen die Sprache vom Tod als Übergang zu neuem Leben,
sprachen die Sprache von Veränderung und Wandlung,
sprachen die Sprache der Notwendigkeit von Erneuerung.
Leer-Räume als Warte-Räume.

Die verlassenen Räume erheben nicht vornehmlich den moralischen Zeigefinger: Das habt ihr nun davon, dass ihr, die Vielen, der Kirche den Rücken gekehrt habt! Sie sind nicht in erster Linie Warn- und Mahnräume der Kirche, sie sind Warteräume im Sinne der erinnernden Erwartung auf Neues hin. – Die Einsicht in die Notwendigkeit der Profanierung von Kirchen, der Auflösung von Klöstern, spricht nicht das endgültige Aus, das den Untergang der Kirche einläutet, sondern stellt vielmehr die Frage: Was will denn da sterben? Was will zum Weizenkorn werden, das in die Erde fällt, stirbt und so sich einmischt in den großen Wandlungsprozess des Stirb und Werde alles Lebens? Und die Kirche? Die »ecclesia semper reformanda« ist die sich ständig erneuernde Kirche, vertrauend auf die bewegende Kraft des Heiligen Geistes!

Dieses Buch entstand, als nach über 100 Jahren die Benediktinerinnen ihr Kloster Vinnenberg verlassen hatten. Zurück blieben Lebensräume, zu denen wir, Autoren und Fotograf, ganz unterschiedliche Beziehungen haben. Ich kannte sie seit meiner Studienzeit und erlebte sie noch ganz im Alltag der Schwestern. Darauf gehe ich in meinen einführenden Gedanken zu Beginn jedes Kapitels ein. Markus Nolte fand das Kloster bereits verlassen vor, und doch verwoben sich beim Hindurchgehen Bilder dieser verlassenen Räume und jener klösterlichen Räume, die ihm durch seine Biographie eingeschrieben sind; daraus erstanden seine dichten Bildbotschaften. Anselm Skogstad verbrachte, aus New York kommend, fotografierend einige Tage an diesem Ort, von dem er zuvor nie gehört hatte. Allen dreien begegneten keineswegs leere, sondern wartende Räume. Irgendetwas will sich hier erfüllen. Sehen Sie selbst ...

Carl B. Möller
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